
[…]
Sie fuhren durch ein kleines Waldstück am Rande der Stadt. Plötzlich bog Jean in einen schmalen Waldweg ein, den er soweit entlangfuhr, daß sie von der Straße aus nicht mehr zu sehen waren, dann hielt er und schaltete den Motor aus.
»Aussteigen«, sagte er ruhig, aber mit Nachdruck, während er die Fahrertür öffnete.
»Was wollen wir hier«, fragte Eva leicht verunsichert.
Wollte Jean sich etwa während eines Waldspaziergangs mit ihr aussprechen? Das hätte er ihr vorher sagen sollen, dann hätte sie sich andere Schuhe angezogen. Diese waren gänzlich ungeeignet für einen Waldspaziergang.
»Das wirst du schon sehen«, meinte er nur und stieg aus.
Eva seufzte. Dann also um Himmels willen, dachte sie, schließlich wollte sie ihn nicht noch mehr verärgern, als sie es bereits hatte, und stieg auch aus.
Jean hatte bereits die Heckklappe geöffnet und machte sich im Wagen zu schaffen. Eva stand unschlüssig da. Die vorbeifahrenden Autos waren zwar deutlich zu hören, aber man sah von ihnen allenfalls Schemen durch das dichte Laub hindurch. Es roch ein wenig feucht und erdig.
Jean trat zu ihr. Er hielt ein mittellanges Hanfseil in der Hand. Eva sah ihn nun ehrlich erstaunt an. Erst meldete er sich eine Woche nicht, spielte den Beleidigten, und jetzt wollte er offenkundig mit ihr ›spielen‹? Einen anderen Grund, daß er das Seil in der Hand hielt, konnte sie sich nicht vorstellen. Mit dem Mann stimmte wirklich etwas nicht. Warum hatte er nichts gesagt, dann hätte sie etwas anderes angezogen.
»Jean, was soll das?« fragte sie mit leicht zitternder Unterlippe.
Sie war durcheinander. Ihr war nicht nach ›spielen‹, zumindest nicht sofort. Sie wollte erst wissen, wie sie zueinander standen, ob er ihr ihr Verhalten noch übelnahm.
»Ich stelle dir nur eine Frage, Eva: Vertraust du mir?« Jean betonte jede Silbe und sah sie fest an.
Eva fühlte sich unwohl unter seinem Blick, der etwas Inquisitorisches hatte. So ähnlich mußte er sich gefühlt haben, als sie vor einer Woche die Vertreterin der Staatsmacht herausgekehrt hatte.
»Warum sollte ich dir nicht vertrauen, Jean?« erwiderte sie, denn sie verstand den Sinn seiner Frage nicht.
»Warum antwortest du mit einer Gegenfrage?« es war keine Frage, sondern ein Vorwurf. Jean seufzte leise. »Besser gesagt, Eva, vertraust du mir noch? Vertraust du mir noch, nachdem du mir anscheinend etwas unterstellt hast, das nicht zutrifft?«
Eva antwortete nicht sofort. Sie mußte erst den Sinn seiner Frage überdenken. Sie hatte ihm tatsächlich mißtraut, sie hatte ihm, wenn auch nur für kurze Zeit, etwas unterstellt, das sich sehr schnell als unbegründet herausgestellt hatte. Aber sie konnte nicht präzisieren, was sie tatsächlich dazu verleitet hatte, voreilige Schlüsse aus ihren Entdeckungen zu ziehen.
»Ja, ich vertraue dir, Jean«, sagte sie schließlich und sah ihn fest an, obwohl sie immer noch einen Restzweifel spürte, denn Jean machte ihr in diesem Moment ein wenig Angst.
Es war keine Angst, daß er plötzlich gewalttätig gegen sie werden könnte, physisch konnte sie sich problemlos gegen ihn wehren, sie war ja nicht viel kleiner als er, es war viel mehr die Angst, daß er etwas aus ihrem Inneren hervorholen könnte, das ihr nicht gefallen würde, daß er Macht über sie besitzen könnte, er das Bild, das sie von sich hatte, Stück für Stück zerstören könnte, ohne etwas Neues an dessen Stelle zu setzen, ihr eine Eva zeigen, die ihr gar nicht gefiel, in der sie sich nur unter Mühe wiedererkannte, die trotzdem und vielleicht mehr der wahren Eva entsprach. Diese unterschwellige Angst hatte sie von ihrer ersten gemeinsamen Session an begleitet. Und vielleicht war es auch diese Angst, die schuld daran war, daß sie ihn verdächtigt hatte, möglicherweise ein Versuch, sich von Jean zu ›befreien‹, und sich damit die Illusion über sich selbst zu bewahren.
»Ich gebe dir die Möglichkeit, deine Antwort noch einmal zu überdenken, Eva«, sagte Jean und Eva erkannte, daß er sich dazu hatte überwinden müssen.
»Ja, ich vertraue dir, Jean«, bestätigte sie, ohne weiter darüber nachzudenken, und hoffte, daß sie es auch wirklich konnte.
Ihr war bewußt, daß ihn ein Nein endgültig davon überzeugt haben würde, daß sie nicht zu ihm paßte.
»Dann macht es dir sicherlich auch nichts aus, die Hände auf den Rücken zu legen und dich von mir fesseln zu lassen«, meinte Jean ruhig.
Eva sah ihn an. Jean war entschlossen. Er zeigte mit keiner Miene, was er dachte.
Eva unterdrückte einen Seufzer und wandte ihm den Rücken zu. Sie legte die Hände auf den Rücken. Jean schlang das Seil schnell und geschickt um ihre Handgelenke und die halben Unterarme. Das gab eine festere Bindung als die, die sie von ihm bereits gewohnt war. Zwar schnürte das Seil nichts ab, aber es war rauher und unangenehmer als die Baumwollseile, die er bisher bei ihr benutzt hatte.
Kaum war er fertig, ging er wieder zum Heck. Eva blieb ruhig stehen. Unter anderen Vorzeichen würde sie es genießen, jetzt fühlte sie sich ein wenig unbehaglich, und konnte nicht einmal einen Grund dafür nennen.
Jean trat wieder zu ihr und legte ihr eine lederne Augenbinde an. Eva versuchte gelassen zu bleiben, um Jean gar nicht erst die Möglichkeit zu geben, ihr Ängstlichkeit vorwerfen zu können. Er zog den Riemen fest zu. Eva sah nichts mehr. Die Maske drückte leicht.
»Du legst dich jetzt auf den Rücksitz. Dir dürfte klar sein, daß du so nicht auf dem Beifahrersitz sitzen kannst.«
Eva nickte. Das würde sie beide in eine unangenehme Lage bringen, würden sie angehalten. Lag sie auf dem Rücksitz, dann war die Gefahr deutlich geringer, denn es mußte ja erst einmal jemand ins Auto sehen.
Jean half Eva beim Einsteigen. Eva lag nicht sehr bequem. Zum Glück war Jeans Auto geräumig und die Fahrt würde sicherlich nur kurz sein.
Eva hörte, wie Jean die Heckklappe schloß, einstieg und im Rückwärtsgang zur Straße fuhr. Eva wurde dabei ganz schön durchgeschüttelt.
Die nun folgende Fahrt kam Eva unglaublich lang vor. Sie besaß keine Vorstellung, wohin Jean mit ihr fuhr. Er redete auch nicht ein Wort mit ihr. Sie wußte nicht, ob sie wieder in die Stadt hineinfuhren oder weiter hinaus. Es war fast wie eine Entführung, dachte sie, und im nächsten Moment dachte sie, daß auch die drei Frauen auf diese Weise transportiert worden sein könnten – ja, wenn ihre Angaben in allen Punkten der Wahrheit entsprachen, woran Eva schließlich zweifelte.
Die Unruhe in ihr wurde nicht kleiner, immerhin wußte sie nicht, was Jean mit ihr vorhatte. Wäre nicht die Spannung zwischen ihnen, Eva würde den Nervenkitzel genießen, den ihr das ›Spielen‹ in der Regel bereitete. Zwar rechnete sie nicht damit, daß Jean sie irgendwo aussetzen würde, aber die Situation hatte schon ein wenig davon.
Sie hoffte nur, daß er bald hielt, denn die liegende Stellung auf der Rückbank war ihr längst unbequem geworden, außerdem wurde sie kräftig durchgeschüttelt.
Sie war fast überrascht, als Jean tatsächlich hielt und den Motor ausstellte. Beruhigende, aber auch ein wenig erschreckende Stille umgab sie. Sie fragte sich, wo sie waren. Sie wußte nur, daß sie weder vor seinem noch vor ihrem Haus angekommen waren, dafür war die Fahrt eindeutig zu lang gewesen, trotz ihrer verzerrten Zeitwahrnehmung, außerdem war die Geräuschkulisse eine andere. Eva hatte schon früh die Erfahrung gemacht, sobald einem die Möglichkeit zum Sehen genommen wird, der Gehörsinn umso schärfer zu werden scheint.
Sie hörte wie Jean die Fahrertür öffnete und ausstieg. Sie hörte Jeans Schritte leise knirschen. Entweder ging er auf Kies oder auf einem mit Sand oder was auch immer bestreuten Boden. Dann hörte sie das leise Quietschen von einer Eisentüre, die in schlecht geölten Angeln lief. Kurz darauf kam Jean zurück und öffnete die hinteren Türen.
»Wir sind da. Du kannst jetzt aussteigen.«
Das ist leicht gesagt, dachte Eva. Aber Jean half ihr geduldig. Er mußte sie stützen, denn ihre Beine waren ein wenig eingeschlafen. Doch das Blut zirkulierte schnell wieder.
»Geht es«, fragte er mit leichter Anteilnahme.
Eva nickte.
»Gut, dann können wir ja gehen. Setze ganz normal einen Fuß vor den anderen, ich sage dir schon, wenn du Gefahr läufst zu stolpern.«
Jean hielt sie mit festem und ein wenig schmerzhaftem Griff am linken Oberarm, während sie über einen schiefen Plattenweg voller kleiner Steine gingen.
Evas Herzschlag beschleunigte sich. Alles roch muffig und modrig. Wie in dem Abbruchhaus, in dem Karola Fiersen gefunden worden war.
Ein paar Regentropfen trafen sie ins Gesicht. In ihr verkrampfte sich etwas. Was sollte das? Was hatte Jean vor?
Aber sie fragte ihn nicht, sondern ging ein wenig unsicher, weil sie nichts sah oder aus einem anderen Grund, an den sie nicht zu denken wagte, konnte sie nicht sagen.
»Vorsicht, Schwelle«, warnte er sie, und zum ersten Mal lag hörbare Besorgnis in seiner Stimme, aber da war Eva schon schmerzhaft mit dem rechten Fuß gegen eine Eisenschwelle getreten.
Sie unterdrückte einen Schmerzensschrei und wußte nun, daß Jean eine eiserne Bautüre aufgeschlossen hatte. Doch wie war er an den Schlüssel gekommen, fragte sie sich.
»Halt, du bleibst einen Augenblick hier stehen«, sagte er.
Eva spürte unter den Füßen dieselben Mörtelbrocken, roch dieselbe muffige Luft wie in dem Abbruchhaus, in dem Karola Fiersen gefunden worden war. Und doch war es zweifelsfrei ein anderes Haus.
Sie hörte, wie Jean die Bautüre schloß und den Schlüssel innen im Schloß drehte. Nun war sie mit ihm eingeschlossen.
Er trat wieder zu ihr und packte sie erneut am Oberarm. Sein Griff war fest und würde sicherlich Spuren hinterlassen, aber er vermittelte ihr auch ein Gefühl von Sicherheit.
»Noch zwei Schritte bis zur Treppe.«
Vorsichtig ging Eva die Stufen hinauf. Jean führte sie. Sie zählte die Treppenabsätze und versuchte zu schätzen, in welcher Etage sie sich befanden. Wenn sie sich nicht täuschte, war es die zweite Etage. Wie bei Karola Fiersen schoß es Eva sofort durch den Kopf, aber das panikartige Gefühl, das sie als Folge dieser Erkenntnis erwartete, blieb aus.
[…]
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