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Ich versuchte auf gut Glück einen der beiden Schlüssel. Der erste Versuch gelang. Das sah ich als gutes Omen an. Wie jeder moderne Mensch war ich grundsätzlich nicht abergläubisch, außer wenn es angebracht war. Ich drückte die Tür auf und trat in den kühlen, im leichten Halbdunkel liegenden Hausflur. Zur Treppe mußte man in den zum Hof hinaus liegenden Teil des Hauses durch einen langen halbdunklen Gang gehen. Das Treppenhaus wurde von großen Fenstern hell erleuchtet.
Ich stieg die etwas steilen leicht ausgetretenen Stufen mit klopfendem Herzen hinauf. Ich begegnete niemandem. Auf dem letzten Absatz vor der bewußten Etage blieb ich am Flurfenster stehen, dessen rechter Flügel geöffnet war. Ich schaute in einen Hof, in dem auf einer großen vermoosten Rasenfläche drei uralte Linden und verschiedene, leicht verwachsene blühende Sträucher wuchsen. Die Rasenfläche grenzte an die Rückfront einer Reihe niedriger mit Dachpappe gedeckter Garagen, die im Hof des gegenüberliegenden Hauses standen. In den Linden hatten sich Vögel niedergelassen, die mit ihrem Gesang den Hof erfüllten und ihn zu einem Idyll werden ließen.
Ich riß mich von dem beruhigenden Anblick los und ging die letzten Stufen hinauf.
An der Tür war ebensowenig ein Namensschild.
Für einen Moment war ich versucht, an der Nachbarwohnung zu klingeln und zu fragen, wer die gegenüberliegende Wohnung gemietet hatte. Doch ich glaube kaum, daß mich das ernstlich weitergebracht hätte, dafür würde ich mit Sicherheit einen reichlich merkwürdigen Eindruck hinterlassen haben.
Ich steckte den anderen Schlüssel ins Schloß, drehte ihn, nachdem ich tief durchgeatmet hatte, zweimal herum und betrat eine fast dunkle Diele.
Meine an das helle Sonnenlicht gewöhnten Augen konnten sich kaum zurecht finden. Gewohnheitsgemäß taste ich nach einem Lichtschalter. Ich fand ihn auch dort, wo er hingehörte und betätigte ihn. Aber die Diele blieb dunkel, wurde nur vom durch die offene Tür hereinfallenden Treppenhauslicht erhellt. Das genügte, um zu sehen, daß die von der Decke herabhängende Fassung bar jeder Glühbirne war.
Ich schloß die Tür hinter mir. Halbdunkel umfing mich. Nachdem meine Augen sich einigermaßen daran gewöhnt hatten, erkannte ich vier geöffnete Türen, durch die genügend Licht hereinfiel, so daß ich mich bewegen konnte, ohne irgendwo anzustoßen, wobei diese Gefahr gering war, denn die Diele war bis auf drei Garderobenhaken links neben der Tür leer. Ich steckte den Schlüssel in meine rechte Jackentasche und betrat den ersten Raum.
Darin war nur eine fest eingebaute Küchenzeile und ein kleiner quadratischer Tisch mit zwei Stühlen. Ein leises Summen zeigte, daß der Kühlschrank in Betrieb war. Ich öffnete ihn. Auch hier war die Glühbirne ausgebaut. Er war leer bis auf eine volle Flasche Mineralwasser.
Der Grund für das Dämmerlicht waren die vollständig heruntergelassenen und leicht geöffneten Jalousien und die dicht zugezogenen Vorhängen. Das durch die Ritzen der Jalousie fallende Sonnenlicht warf auf die Rückseite der Vorhänge helle Streifen, die sich im Luftzug des gekippten Fensters leicht bewegten.
Ich versuchte den Vorhang aufzuziehen, aber es gelang nicht. Er war in der Gardinenleiste festgestellt. Ebenso widersetzte sich die Jalousie meinen Versuchen, sie zu hochzuziehen. Sie war gleichermaßen trickreich fixiert.
Ich verließ die Küche und ging in das Zimmer gegenüber, einem Wohnzimmer, möbliert mit zwei bequemen, nicht mehr ganz neuen Ledersesseln, einem leeren Bücherregal und einem niedrigen Glastisch. Jalousie und Vorhänge waren auf die gleiche Art fixiert.
Ich hielt mich hier nicht lange auf und betrat den Raum am Ende der Diele, der sich als kleines Bad mit einem ebenso kleinen Fenster erwies, bei dem es genügte, einen dichten Vorhang davor zu befestigen, um es in Dämmerlicht zu tauchen. Neben dem Waschbecken hingen zwei frische Handtücher, und ein neues Stück Seife lag in der Seifenschale über dem Waschbecken. Ich drehte den Wasserhahn auf und ließ kaltes Wasser über meine Unterarme laufen. Das erfrischte und beruhigte mich etwas. Nachdem ich mir die Hände abgetrocknet hatte, nahm ich den letzten Raum in Augenschein, der von allen am üppigsten möbliert war. Die Wände waren in einem kräftigen Blau gestrichen, soweit sich das in diesem Dämmerlicht beurteilen ließ. Auf dem Boden lag ein kurzfloriger Teppich in ähnlicher Farbe. Ein breites Messingbett mit blauer Satinbettwäsche bezogen stand mittig an der Wand, rechts und links zwei niedrige Nachttische. Dem Fenster gegenüber stand ein Frisiertisch mit großem Spiegel und einem schmalen Stuhl davor, dem Bett gegenüber ein nicht sehr großer zweitüriger Kleiderschrank. Das Schlafzimmer ging wie die Küche auf den Hof hinaus. Auch hier war das Fenster geöffnet, spielte der Luftzug mit den Vorhängen. Dieser Raum war mehr als die anderen von einem leichten, kaum wahrnehmbaren süßlichherben Duft erfüllt, der nicht von der Flora des Hofes stammen konnte.
Es war, hatte man sich einmal daran gewöhnt, in allen Räumen hell genug, um mehr als nur schemenhafte Umrisse zu erkennen. Aber wiederum nicht so hell, um beispielsweise lesen oder Dinge detaillierter betrachten zu können.
Alles fügte sich ins Bild der anonymen Aquarelle und Briefe. Eine lichtdurchflutete Wohnung hätte mich eher in Erstaunen versetzt. Meine schöne Unbekannte wollte es mir so schwer als möglich machen, sie außerhalb dieser Wohnung zu erkennen. So wurde die Wohnung zu einer eigenen, von der Außenwelt abgeschlossenen geheimnisvollen Welt.
Eine wohltuende Stille umgab mich. Irgendwo im Haus ging die Toilettenspülung. Kurz darauf hörte ich Schritte, ein vorbeifahrendes Auto.
Ich war nicht mehr ganz so nervös wie beim Betreten der Wohnung. Es war mehr Ungeduld als Furcht vor dem Unbekannten.
Ich kann mich nicht lange allein in der Wohnung aufgehalten haben, dennoch war es mir unmöglich zu sagen, wieviel Zeit verstrichen war. Mir schien jedes Zeitgefühl abhanden gekommen zu sein, als habe die Wohnung ihren eigenen Zeitablauf. Mir kam jeder Augenblick unendlich kurz und unendlich lang zugleich vor.
Plötzlich, ohne Ankündigung durch Schritte im Treppenhaus, hörte ich die Wohnungstür gehen. Ich stand mit dem Gesicht zum Fenster und dem Rücken zur Tür. Ich fühlte mich unfähig, mich umzudrehen. Wie festgewachsen stand ich mitten im Zimmer.
Die Wohnungstür wurde leise geschlossen.
Ich hielt den Atem an.
Leise Schritte kam näher. Die Person setzte auf Zehenspitzen gehend, vorsichtig einen Fuß vor den anderen.
[…]
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